„«Bei der Kinderbetreuung ist die Schweiz ein Entwicklungsland»“

Ein Blick in die Schweiz:

„… Wir haben ein grundsätzliches Problem in unserer Gesellschaft: Vor 150 Jahren war die Kindererziehung noch Aufgabe der Gross­familien mit starkem Zusammenhalt. Im Zuge der Industrialisierung haben sich diese Gemeinschaften immer mehr ­aufgelöst, die Gemeinden mussten mehr Verantwortung übernehmen. So sind die Sozialämter entstanden. Diese Behördenmitglieder haben die Bewohner noch gekannt. Heute leben wir in Kleinfamilien. Diese Entwicklung hat die Sozialämter überfordert, deshalb wurden die Vormundschaftsbehörden professionalisiert. Die Folge davon ist, dass das Verhältnis zwischen Bürger und Behörde anonym geworden ist. Heute fehlt weitgehend die Vertrauensbasis.

Welche Form der Zuständigkeit wäre ideal?
Wir suchen noch Lösungen. Man versucht beispielsweise so zu bauen, dass wieder Gemeinschaften entstehen können. In Winterthur gibt es einen Versuch auf einem früheren Sulzer-Areal.

Die Kesb wurde geschaffen, weil die Nähe zu Problemen führte. Ein Knabe starb, weil die Behörden den Vater zu gut kannten.
Bei aller Kritik an diesem Fall – man ­vergisst, dass diese Nähe in vielen Fällen ein enormer Vorteil war. Die früheren Behörden haben über die Lebenssituation der Familien besser Bescheid gewusst als eine anonyme Kesb. Ein Vertrauensverhältnis ist die Grundbedingung einer einvernehmlichen Lösung. Man kann nicht über Leute verfügen, ­denen das Vertrauen in die Institution fehlt.

[…]

In der Gesetzgebung und Rechtsprechung wird dem Kindeswohl vermehrt Rechnung getragen. Zeigt sich das in der Praxis?
Die verantwortlichen Institutionen sind dazu gar nicht in der Lage. Ich habe ­entsprechende Erfahrungen mit Scheidungskindern gemacht. Die Gerichte müssten sich eigentlich von Gesetzes wegen mit dem Kindeswohl beschäftigen. Häufig stellen sie aber zwei, drei Alibifragen wie: Wo willst du leben, beim Papi oder beim Mami? Das ist das eigentliche Versagen von sozialen Institutionen.

Weil die Kinder ohnehin bei beiden wohnen wollen?
Nicht unbedingt. Aber wenn man sich für das Kindeswohl verantwortlich fühlt, muss man herausfinden, was für das Kind am besten ist. Das ist mit einem gewissen Aufwand verbunden, das schafft ein Richter nun einmal nicht. Eine Psychologin müsste sich der Sache annehmen und herausfinden, was das für ein Kind ist, was seine Bedürfnisse sind, seine Lebenssituation abklären. Nicht nur die Frage, wie Mutter und Vater mit dem Kind umgehen, ist wichtig. Es braucht eine umfassende Abklärung von Nachbarschaft, Verwandtschaft, Schule, Freizeit und so weiter. …“

Quelle / gesamtes Interview: Tagesanzeiger
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