„Alltag einer Familienrichterin: „Das macht mich traurig, fassungslos, hilflos, wütend““

„… 109 Aktenmappen, der Zugang eines Tages. Es macht mich fertig, immer diesen Berg vor mir zu haben. Egal, wie viel man arbeitet, am nächsten Tag kommt genauso viel. Wenn Kollegen krank sind oder Urlaub haben, kommen deren Akten auch zu mir. Wenn ich einen Tag Fortbildung machen würde, müsste ich das nacharbeiten, ich bekomme dafür nicht frei oder werde vertreten. Das schaffe ich nicht, also besuche ich keine Seminare.

[…]

Ich versuche, an Wochenenden nicht zu arbeiten, meist klappt das. Aber ich mache jeden Tag etwa drei unbezahlte Überstunden. Das System in Deutschland ist grundsätzlich gut, aber es wird kaputtgespart. Vor allem fehlt Personal. Dieser Mangel ist politisch gewollt. In der Justiz lässt sich herrlich sparen. Mit weniger Personal bricht sie ja nicht sofort zusammen, die Verfahren dauern halt länger. Und warum das so ist, weiß der Bürger nicht.

[…]

Für eine Kindschaftssache – etwa, zu welchem Elternteil das Kind soll oder ob es überhaupt bei den Eltern bleiben kann – sind 280 Minuten veranschlagt. Ich brauche einen Verfahrensbeistand, der die Interessen des Kindes vertritt, muss Termine vereinbaren. Ich schaue in den Akten, ob ich andere Verfahren der Familie finde.

Dann muss ich die Kinder anhören. Ich rede, male und spiele mit ihnen, mache mir ein Bild: Sind sie altersgerecht entwickelt, körperlich gut in Schuss, wie verhalten sie sich?

[…]

Vor jeder Verhandlung muss ich mich einlesen, mit Jugendamt, Kindergarten oder Schule und Verfahrensbeistand sprechen. Ich will die Eltern reden lassen, das kann man nicht in 20 Minuten durchpressen. In der Verhandlung schreibe ich mit und diktierte das Protokoll. Es wird getippt, ich korrigiere es und schreibe meine Entscheidung. Das dauert zwei bis sechs Stunden, falls ich zum Beispiel ein Gutachten auswerten muss. Wenn ich es ordentlich mache, gehen für so einen Fall zwei Tage statt knapp fünf Stunden drauf.

Diese Qualität ist nicht zu halten, allen Fällen werde ich ganz sicher nicht gerecht. …“

Quelle / gesamter Artikel: Spiegel.de
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