„Jugendamtschef soll mit Heimkindern Geld verdient haben“

„… Derzeit sind aber auch im vergleichsweise kleinen Gelsenkirchen die Verhältnisse so, dass die Grünen einen „Untersuchungsausschuss“ fordern, auch wenn so etwas in dieser Form auf städtischer Ebene eigentlich gar nicht vorgesehen ist. Die Politik der Stadt ist in Aufruhr. Der Grund: Der Leiter des städtischen Jugendamtes und sein Stellvertreter sollen sich daran bereichert haben, Heimkinder in Ungarn unterzubringen.

Bekannt wurde die Affäre durch einen Beitrag des ARD-Magazins Monitor vom Donnerstag vergangener Woche. „Was ich in dem Bericht gesehen habe, macht mich fassungslos“, sagt Oberbürgermeister Frank Baranowski.

Die Vorwürfe

In der Sendung wurden einerseits Vorwürfe gegen das Jugendamt der etwa 30 Kilometer nördlich von Gelsenkirchen gelegenen Stadt Dorsten laut, einen Elfjährigen auf einem ungarischen Hof unterzubringen, auf dem eine Menge Schrott herumliege und auf dem er schlecht betreut werde. Dies soll die Stadt fast 8000 Euro im Monat kosten.

Noch gravierender sind die Vorwürfe der Reporter gegen die zwei Männer an der Spitze des Gelsenkirchener Jugendamtes: Sie sollen Insidern zufolge bewusst zu viele Kinder in ein Gelsenkirchener Heim geschickt haben, bis dieses massiv überbelegt war. Dann sollen Kinder, die von anderen Jugendämtern in das Heim gekommen waren, nach Ungarn gebracht worden sein. Und zwar in Einrichtungen der „Neustart GmbH“ – ein Unternehmen, das zeitweise den beiden Jugendamtschefs selbst gehörte. Daran habe einerseits das Heim verdient, weil es immer voll gewesen sei und für jedes Kind Geld bekam. Und auch die beiden Behördenleiter hätten verdient …

[…]

Wie eine Welle erfasst der Fall nun mehrere Institutionen. Am Mittwoch wurde die Leiterin es Gelsenkirchener Kinderheimes St. Josef beurlaubt. Die St. Augustinus Heime GmbH, Betreiberin der Einrichtung, hatte zuerst abgestritten, Verbindungen zu „Neustart“ zu haben. Dann räumte sie aber doch ein, dass die Heimleiterin St. Josef aktiv dafür geworben habe, Kinder in einem Haus von „Neustart“ in Ungarn unterzubringen.

Auch der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) musste einräumen, in die Geschichte verwickelt zu sein. Denn der stellvertretende Leiter des Jugendamtes war auch stellvertretender DKSB-Ortsvorsitzender in Gelsenkirchen. Auch dieses Amt hat er nun niedergelegt. Seit 2005 floss Geld über den Ortsverband an „Neustart“. Dieser schloss auch Haftpflichtversicherungen für die Kinder ab, die nach Ungarn gingen. Nun prüft der DKSB, um wie viel Geld es geht.

Die Stadt hat noch während der Dreharbeiten des ARD-Teams eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt, die Geldflüsse zu untersuchen. Sie will außerdem ihr Verfahren zur Genehmigung von Nebentätigkeiten für städtische Mitarbeiter überprüfen. …“

Quelle / gesamter Artikel: Süddeutsche Zeitung
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