„Familie ist das existenzielle Problem unserer Nation“

„… Die Welt: Darf man die DDR im Nachhinein für ihre Familienpolitik loben?

Haseloff: Zumindest hat die DDR uns jungen Familien einen guten Start ermöglicht. Zur Hochzeit gab es einen Kredit über 5000 Ostmark. Davon konnten wir uns Bett und Schrankwand und sonstiges Mobiliar kaufen. Fürs erste Kind wurden 1000 Ostmark erlassen, fürs zweite sogar 1500. Hätten wir ein drittes bekommen, wäre uns der gesamte Kredit gutgeschrieben worden. Das war eine Menge Geld.

Ich habe als Physiker 531 Ostmark netto verdient, meine Frau als Zahnärztin 570. Diese Politik war ein klares Signal: Bekommt Kinder, das lohnt sich! Diese Hilfen haben eine Zeit lang auch dafür gesorgt, dass die Geburtenrate anstieg.

Die Welt: Nun sind wir knapp 40 Jahre weiter, Deutschland ist wiedervereinigt – und hat die niedrigste Geburtenrate in der EU. Was läuft da schief?

Haseloff: Der Leistungsdruck heute ist nicht zu vergleichen mit dem Arbeits- und Wirtschaftssystem der DDR, in der es de facto keinen Wettbewerb gab. Ich will die DDR auf keinen Fall zurück. Aber als gelernter Ossi und langjähriger Wirtschaftspolitiker sage ich nach 25 Jahren Wiedervereinigung: Der Markt schafft nicht automatisch familienfreundliche Rahmenbedingungen. Der Arbeitnehmer von heute soll mobil und zeitlich flexibel sein, sodass stabile Schutzräume wie eine Familie nur schwer aufrechterhalten werden können.

Wer sich auf diese Regeln des Wettbewerbs einlässt, ist oft überfordert. Es gibt kaum noch ein Miteinander von Berufs- und Familienplanung. Für viele bedeutet das: entweder Karriere oder Kinder. Wer mehrere Jahre ausgesetzt hat, hat in den seltensten Fällen danach noch Chancen, befördert zu werden. Gerade Politiker wissen, wie schwer es ist, sich vorbildlich um seine Familie zu kümmern.

Die Welt: Mehr als 200 Milliarden Euro investiert Deutschland jährlich in Familien, mehr als 150 verschiedene Instrumente zählen Experten. Warum reicht das nicht?

Haseloff: Von den familienpolitischen Leistungen entfalten nur wenige überhaupt eine klare Wirkung pro Kind. …“

Quelle / gesamtes Interview: Die Welt
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