„Die männliche Psyche leidet anders“

„Statistisch gesehen entfallen etwa ein Drittel der Depressionserkrankungen in Deutschland auf Männer. Viele Männer zeigen jedoch ganz andere Symptome als Frauen und fallen daher häufig durch das medizinische Raster.

Experten sind sich einig: Geschlechterspezifische Verhaltensmuster spielen eine Schlüsselrolle bei der Diagnose von psychischen Erkrankungen. Frauen werden häufiger erfasst, was aber nicht bedeutet, dass Männer gesünder sind. Sie sind bei psychischen Beschwerden einfach verschlossener.

„Es gibt immer noch viele Verhaltens- oder Rollenstereotypen“, beklagt Iris Hauth. Wenn eine Frau sagt, sie habe Angst, sei das auch heute sehr viel stärker geduldet als beim Mann“, so die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie im DW-Interview.

Hauth erzählt, ein Patient habe ihr kürzlich anvertraut, dass seine Frau es nicht ertragen könne, wenn er weint. Nach wie vor sei die Auffassung verbreitet, dass der Mann nicht schwach sein darf. Auch in verantwortlichen Leitungspositionen dürften Männer nicht zugeben, „dass sie etwas Psychisches haben“.

Im Gegensatz zu Frauen versichern kranke Männer deswegen häufig, dass es ihnen gut geht. Zu groß ist für die meisten das Stigma des „Weicheis“, psychische Krankheiten werden oft als Schwäche abgetan.

[…]

Die Diagnose werde zusätzlich erschwert, weil manche Männer mit Depression ganz andere Symptome haben „und nicht immer das klassische Bild eines depressiven Patienten erfüllt wird“, erklärt Harald Gündel vom Uniklinikum Ulm gegenüber der Deutsche Presse Agentur.

Bei Männern ist im Zuge einer Depression oftmals eine „erhöhte Gereiztheit, Aggressivität, Wut oder antisoziales Verhalten festzustellen“, so Gündel, was wiederum als typisch männliche und positiv besetzte Abwehrstrategie interpretiert werde. So könnten die depressiven Symptome bei Männern durch geschlechtstypische Stresssymptome überdeckt werden. Die vorliegende Depression wird in solchen Fällen oft nicht diagnostiziert, geschweige denn behandelt.

[…]

„Zwei Drittel der Suizidversuche werden von Frauen unternommen, aber bei vollendeten Suiziden sind zwei Drittel Männer“, sagt Iris Hauth. Für die Fachärztin für Psychatrie ein klares Indiz dafür, dass Männer offener mit ihren Ängsten umgehen müssen: „Die Öffentlichkeit muss sensibilisiert werden“, fordert sie, „auch Männer dürfen psychisch krank sein“. …“

Quelle / gesamter Artikel: Deutsche Welle
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