„So ziehen wir Rotzlöffel heran“

Der schwedische Psychiater und Buchautor David Eberhard sagt, eine liberale Erziehung schade Kindern und Eltern.

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ZEIT: Ihr neues Buch „Kinder an der Macht“ erscheint in wenigen Wochen auf Deutsch. Darin behaupten Sie, die liberale Erziehung sei gescheitert. Warum?

Eberhard: Weil sich Eltern nicht mehr wie verantwortungsvolle Erwachsene verhalten. Sie glauben, beste Freunde ihres Kindes sein zu müssen. Sie stellen sich auf eine Stufe mit dem Kind, wagen nicht, ihm zu widersprechen, Grenzen zu setzen. Sie treffen keine Entscheidungen mehr, sondern wollen so cool und hip und rebellisch sein wie ihre Kinder. Unsere Gesellschaft besteht nur noch aus Teenagern.

ZEIT: Aber meinen Sie wirklich, dass auch deutsche Eltern sich von ihren Kindern vorschreiben lassen, wohin sie in den Urlaub fahren, was es zu Essen gibt, was sie im Fernsehen schauen?

Eberhard: Viele werden sich wiedererkennen. Eltern trauen sich nur ungern mit Erziehungsproblemen nach außen. Die sagen: Bei uns ist alles in Ordnung, kein Thema! Und trotzdem haben sie permanent ein schlechtes Gewissen, weil sie glauben, so vieles falsch zu machen. Sie kommen abends erschöpft von der Arbeit und kochen, was das Kind mag, weil sie keine Diskussionen wollen. Sie lassen es auch länger als vereinbart vor dem Fernseher sitzen, um Ruhe zu haben. Sie verbringen ihren Urlaub an Orten, an denen die Kinder beschäftigt sind, obwohl sie ohne Kinder nie dorthin fahren würden. Ich sage nicht, dass das falsch ist. Ich sage nur, ihr müsst das Kind nicht komplett ins Zentrum eures Lebens stellen.

[…]

ZEIT: Deutsche Eltern träumen von Bullerbü oder Lönneberga.

Eberhard: Auch die Schweden sind noch ganz vernarrt in Astrid Lindgrens Geschichten und all die idyllischen Bilder. Aber überlegen Sie mal, wie diese Kinder aufgewachsen sind. Die sind den ganzen Tag herumgestromert, ohne Überwachung, ohne Helm und Sonnenhut. Michel hat seine kleine Schwester Ida oben an den Fahnenmast gebunden. Und Lotta aus der Krachmacherstraße fuhr mit ihren Geschwistern auf dem Dach des VW-Käfers mit. Das ist alles völlig undenkbar geworden. Heute würden sich Eltern gegenseitig das Jugendamt auf den Hals hetzen. Im Kindergarten meines Sohnes müssen alle Kinder schon beim Schlittenfahren Helme tragen!

ZEIT: Was ist so schlimm daran, Kinder beschützen zu wollen?

Eberhard: Die Überbehütung. Wenn wir das kompetente Kind wollen, sollte es allein zur Schule gehen dürfen. Denn im Alter von sechs Jahren ist ein Kind dazu in der Lage, auch in einer Stadt mit viel Verkehr. Eltern lassen das nicht zu, fordern das Kind aber gleichzeitig auf, Entscheidungen zu treffen oder jede Frage auf Augenhöhe mit einem Erwachsenen zu diskutieren. Viele Erwachsene handeln widersprüchlich und haben keine Antenne dafür, was ein Kind anspornt und in seiner Entwicklung voranbringt und was es überfordert. …“

Quelle / gesamtes Interview: Die Zeit
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