Eingeschränkte Leseempfehlung: „Psychologie heute Compact: Männer verstehen“

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Die Redaktion der bisweilen einseitig berichtenden „Psychologie heute“ hat ein Sonderheft zur aktuellen Lage des männlichen Geschlechtes herausgebracht, dessen Lektüre mit einigen Einschränkungen empfohlen werden kann. Das Heft beinhaltet zwanzig Interviews, Sachtexte und Essays mit Fachleuten und Autoren und trägt vielleicht ein Stück dazu bei, den Lebenswirklichkeiten und Bedürftigkeiten beider Geschlechter mit demselben Respekt zu begegnen.

Unter anderem kommen darin auch Fachleute wie Walter Hollstein, Roy F. Baumeister, Matthias Franz sowie unsere Fachbeirätin, die an der Münchner Universität Schwerpunktfelder wie männliche Depression, Gewalt und Komorbidität forschende Sozialwissenschaftlerin Frau Professorin Anne-Marie Möller-Leimkühler, zu Wort. Ein Kreis von Wissenschaftlern, die seit Jahren seriös und frei von Klischees und Vorurteilen die Befindlichkeiten des männlichen Geschlechts, nicht zuletzt in Relation zum weiblichen Geschlecht, erforschen und publizieren. Demgegenüber lässt sich einigen Autoren und Autorinnen eine gewisse Eindimensionalität und mangelnde Fachneutralität leider nicht vollumfänglich absprechen.

Einige Inhalte in Kurzform:

– Klare Worte findet Walter Hollstein zu Ausgrenzungsmechanismen gegenüber Vätern wie auch zur breiten unteren Ebene der Gesellschaftspyramide, die weitgehend von Männern besetzt wird: im Bereich der Suizide, Suchtkrankheiten, antisozialen Persönlichkeitsstörungen, Lebenserwartung sowie gefährlichen, schmutzigen und familienfernen Jobs.

– Matthias Franz kommt in seinen Ausführungen ausführlich und schlüssig auf das Paradox nahezu durchgehender Abwertung des Mannes in der Gesellschaft bei gleichzeitig überzogenen Erwartungshaltungen an ihn zu sprechen und schildert schlüssig und eindrucksvoll die maßgebliche Mitverantwortung selbst von fortschrittlichen, aufgeklärten Partnerinnen am Fixieren alter Rollenbilder.

– Der Mann hat nicht weniger Gefühle als die Frau, sondern – im wesentlichen der an ihn vermittelten Rolle und Erwartungshaltungen geschuldet – einen erheblich schwereren Zugang zu ihnen. Für eine gelebte Männlichkeit gehört das Zulassen auch vermeintlich „weiblicher“ Gefühle wie Scham, Angst, Trauer oder Ohnmacht, nicht zuletzt für das Vermitteln authentischer Vaterschaft.

– Zentrales Stichwort ist die emotionale Emanzipation, neben dem Öffnen eigener Gefühlswelten auch ein Emanzipieren von äußeren (beiswielsweise partnerschaftlichen) Erwartungen und Anforderungen und damit Klarheit über ureigene Bedürfnisse erlangen.

– Auch auf psychische Fehlentwicklungen gehen Fachleute intensiv ein:

1. Depression wird bei Männern nach wie vor unterdiagnostiziert und wird weiblicher Betroffenheit in wissenschaftlichen Erhebungen mittlerweile zahlenmäßig gleich gesetzt
2. bei 75% der durch Männer besetzten Suizidzahlen gehen 80% eine Depression voraus
3. Depression wird bei lediglich 30-35% der Betroffenen diagnostiziert und nur bei 6-9% angemessen behandelt
4. männliche Depression äußert sich anders als weibliche, in vielen Fällen sind Reizbarkeit und übersteigertes Risikoverhalten Symptome, die durch Partnerinnen oder Hausärzte verkannt werden
5. als Auslöser gelten unter anderem die Angst vor Herabsetzung, Blamage sowie innerer wie äußerer Erwartungsdruck
6. Männer warten länger als Frauen auf einen Therapieplatz
7. auch Eßstörungen und selbstverletzendes Verhalten nehmen beim männlichen Geschlecht seit Jahren kontinuierlich zu, schwer hierbei ist die Vermeintlichkeit „weiblicher“ Störungen und damit verbundene hohe Schamschwelle
8. Gewaltauslöser sind in der überwiegenden Zahl der Fälle vorangegangene Herabwürdigung und / oder Scham bzw., genauer, die Unfähigkeit Scham als Emotion sozial zu verarbeiten. Sie dient als Ersatzmittel, um Respekt zu erfahren. Eine Untersuchung von 30 Amokläufen an amerikanischen Schulen brachte die Erkenntnis, dass in der Mehrheit der Fälle die Täter teilweise gnadenlos gehänselt und gequält wurden.

Laut Männergesundheitsbericht 2013 sind Männer keineswegs Präventionsmuffel, solange die Angebote ihren Lebenswirklichkeiten angepasst sind. Auch in diesem Bereich, der Ansprache des Mannes als Betroffener verschiedenster Bereiche (z. Bsp. Depression oder häusliche Gewalt), gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Jungen beispielsweise nehmen niedrigschwellige Angebote wie Internetberatung mehr wahr als Mädchen.

Einige Zitate:

„Depressive Männer haben eine andere Symptomatik. Sie sind seltener antriebslos und gleichzeitig unruhig wie Frauen, sondern eher aggressiv, reizbar, neigen zu Wutanfällen, Alkoholmißbrauch oder beleidigendem Verhalten.“

„Männer haben eine geringere Selbstaufmerksamkeit und eine höhere Symptomtoleranz.“

„Wenn behandelt wird, dann spät, stationär und teuer anstatt früh, ambulant und günstig.“

Anne-Marie Möller-Leimkühler

„Eine psychische Erkrankung wird als Schwäche empfunden, und das entspricht natürlich nicht der Rolle als starker Mann, der die Kontrolle hat und autonom ist.“

Ulrich Voderholzer

Auch Themen wie die Wahrnehmung männlicher Erzieher in Kindertagesstätten, Trauer, moderne Vaterschaft, Midlife Crisis, Homosexualität und unbefangenere Sexualität werden vertieft und schaffen damit mehr Klarheit.

Als klares Defizit muss das komplette Fehlen männlicher Betroffenheit samt nachfolgender Notlagen im Kontext häuslicher Gewalt benannt werden.

Fragwürdig sind am vorliegenden Heft zudem einige weitere Punkte:

1. Befürchten Männer bereits als Heranwachsende tatsächlich, vom „Meer der Weiblichkeit überschwemmt zu werden“ (Ursula Nuber)?
2. Sind Frauen tatsächlich depressionsanfälliger (Annette Schäfer)?
3. Sind Geschlechter (wie wiederum andere Fachleute im selben Heft widerlegen) tatsächlich bloße Konstrukte (Bärbel Kerber, Sebastian Schulte)?
4. Findet Herabsetzung und Sexismus tatsächlich nur gegenüber dem weiblichen Geschlecht statt (Ursula Nuber)?
5. Ist die männlich dominierte Überstundenlast tatsächlich der „Erotisierung des Arbeitsplatzes bzw. Banalisierung des Familiären“ geschuldet (Susie Reinhardt)?
6. Ist das „Hinauswagen in feindliche Lebenswelten“ tatsächlich ein männlicher „Bequemlichkeitsgewinn“ (Sebastian Schulte)?
7. Sind tatsächlich Frauen in den ambulanten Einweisungsstatistiken in der Überzahl? In Gera als Sitz unserer Initiative beispielsweise werden 80% der drei psychischen Abteilungen durch Männer in Anspruch genommen.

Zu den Heftinhalten: Psychologie heute

Bildnachweis: „Psychologie heute“ bei Facebook
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Bitte unterstützen Sie unter diesem Link unsere Initiative. Vielen herzlichen Dank!

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