Frühe Vaterschaft – ein Erfahrungsbericht

Im nachfolgenden Erfahrungsbericht werden sich viele gleichberechtigte, Elternzeit in Anspruch nehmende Väter wiederfinden. Gleichzeitig spricht er kritisch die deutsche Familienpolitik hinsichtlich Fremdbetreuung und Vereinbarkeit an und räumt mit einigen Klischees über aktive Väter auf (allein die Überschrift ist irreführend).:

„… Leider hat auch meine Partei dazu beigetragen, die familienpolitische Diskussion auf die Frage der Kinderbetreuung zu verengen. Ich bin Mitglied der SPD. Manchmal kann man den Eindruck haben, das Ziel der Familienpolitik bestehe darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich Eltern verhalten können, als hätten sie keine Kinder. Die maßgeblichen Studien zur Familienpolitik sind überwiegend von Wirtschaftswissenschaftlern verfasst worden. Die Situation von Kindern und Eltern wird dabei in erster Linie nach ökonomischen Kriterien erfasst. Im Vordergrund stehen das Erwerbsleben der Eltern, das durch die Kinder möglichst wenig beeinträchtigt werden soll, und die Kosten, die Kinder verursachen.

Psychologen, Pädagogen oder Soziologen würden vermutlich andere Kriterien stark machen. Vielleicht gingen sie der Frage nach, wie sich das soziale Gefüge verändern könnte, wenn Kinder einen bedeutenderen Platz in unserem Leben einnehmen und unser Verhalten nachhaltiger beeinflussen würden. Die Parameter der Wirtschaftswissenschaft, denen nicht nur das Wirtschaftsministerium, sondern auch das Familienministerium vertraut, basieren auf einem Menschenbild aus dem 18. Jahrhundert, bei dem der Egoismus des Einzelnen als Wohltat für alle verstanden wird. Aber niemand kommt als unsoziales Individuum auf die Welt.

[…]

Häufig wird gestressten Eltern der Rat gegeben, es sei alles eine Frage der Organisation. Ich bin gut organisiert. Nur fügt sich unser Sohn nicht immer in die Pläne ein, die ich gerade verfolge. Nicht selten müssen die Windeln gewechselt werden, wenn wir uns gerade fertig zum Aufbruch gemacht haben. Regelmäßig kann man Porträts von Supereltern lesen, die mehrere Kinder großgezogen und wie nebenbei noch eine beeindruckende Karriere gemacht haben. Beim Lesen solcher Geschichten bin ich mir immer vorgekommen wie ein Wurm, der schon von einem Kind überfordert ist und abends erschöpft in sein Bett kriecht.

Selten werden die Bedingungen solcher Lebensläufe genannt, die in erster Linie mit den finanziellen Mitteln zu tun haben, die es erlauben, die Hausarbeit auszulagern und eine individuelle Kinderbetreuung zu bezahlen, die immer dann greift, wenn die Eltern keine Zeit haben. Was als fortschrittlich inszeniert wird, ist die Renaissance eines Familienmodells des gehobenen Bürgertums aus dem 19. Jahrhundert. Für Eltern aus diesem Milieu war es selbstverständlich, Kinder schon sehr früh in die Obhut von Ammen zu geben, weil Intimität keinen Wert darstellte. Kinder hatten oft eine stärkere Beziehung zu ihren Betreuerinnen als zu ihren Eltern. Das ist jedoch nicht unbedingt das Bedenkliche an diesem Modell. Problematisch ist, dass dadurch die Chance vertan wird, dass Kinder uns und unsere Welt verändern.

[…]

Kindheit ist ein sehr hohes Gut, das es, historisch gesehen, noch nicht lange gibt und um dessen Fortbestand es sich zu kämpfen lohnt. Die gegenwärtigen Versuche, die Kindheit wie das Leben von Erwachsenen durchzuorganisieren, missachten den Umstand, dass Kinder ein völlig anderes Zeitempfinden haben als Erwachsene. Manchmal brauchen wir viel Zeit zum Anziehen. Manchmal geht es schnell. Richtig Rumtrödeln ist vermutlich etwas, das nur noch Kinder können.

Im Zuge der hitzig geführten Debatte zum Ausbau der Kinderbetreuung wurde nicht selten auf die ehemalige DDR als Vorbild verwiesen. Selbst Wirtschaftsverbände, die meistens nichts Gutes über den Staat der Arbeiter und Bauern zu sagen haben, lobten das sozialistische Regime in dieser Hinsicht. Ich war verblüfft, wie politisch naiv und bedenkenlos derartige Urteile abgegeben wurden.

[…]

Oft wird von den Prinzipien und den Werten gesprochen, auf denen unser Gemeinwesen basiert. Aber viel wichtiger sind die konkreten Erfahrungen und tagtäglichen Praktiken, die unser Leben bestimmen. Die Frage, wie wir zusammenleben wollen, geht weit über den privaten Bereich hinaus. Es macht einen Unterschied, ob Kinder in unserem Leben eine Rolle spielen oder nicht, ob wir mit alten Menschen zusammenwohnen oder nicht, ob wir uns um Kranke kümmern oder nicht, ob Menschen mit Behinderung in unserem Alltag gegenwärtig sind oder nicht.

Je umfassender wir alles auslagern, was störend sein könnte für unser Weiterkommen, desto mehr verkümmert die Fähigkeit, uns in andere hineinzuversetzen. Ich stelle mir vor, wie sehr sich unsere Welt verändern würde, wenn sich jeder am Tag eine Stunde um ein Kind oder einen alten Menschen kümmern müsste, um jemanden, der auf unsere Hilfe angewiesen ist. Das würde mehr bewirken als jede Reformpolitik. …“

Quelle / gesamter Artikel: Die Welt
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