Erfahrungen, Zumutungen und Desillusionierungen als Proberichter

Nachfolgend verlinken wir den sehr interessanten, in der Zeitschrift „Betrifft Justiz“ für Richter und Staatsanwälte* erschienenen Erfahrungsbericht eines in Mecklenburg-Vorpommern fünf Jahre auf Probe tätigen Richters, der tiefe Einblicke in das Arbeitsklima hinsichtlich Überlastung und Verschleiß sowie engen Handlungsspielräumen und teilweiser Fachferne gewährt:

„… Für ein effizientes als gut empfundenes Arbeiten ist nämlich ein gewisser Anteil an Routine unerlässlich. Routine entlastet, schafft Raum für Muße und schöpferische Leistungen, reduziert die Fehlerquote und macht hier und da im Ergebnis entscheidende Unterschiede. Die nahezu völlige Abwesenheit von Konstanz für die Dauer von sechs Jahren verursacht dagegen Disstress und Entfremdung. Belastend ist es auch, nicht den eigenen Fähigkeiten entsprechend zu arbeiten. Niemand pfuscht gern. Ein zufriedenstellendes Arbeiten ist als »Durchlauferhitzer« aber schwierig zu erreichen.

[…]

Unfaire Beurteilungen verärgern und demotivieren. In Mecklenburg-Vorpommern passiert genau das mit Richtern auf Probe. Dort wurde 2011 die, wirklich, sogenannte »strenge« Beurteilungsrichtlinie eingeführt. Ziel der Richtlinie ist es, mehr durchschnittliche Beurteilungen zu erreichen; die Mehrheit der Richter könne nicht überdurchschnittlich sein. Die Mehrzahl der Kollegen werde daher gemäß der Richtlinie auch nach längerer Berufserfahrung (nur) »gut geeignet« sein. Bei den einzelnen Beurteilungskriterien entspreche dies einem »entspricht den Anforderungen stets«. In der offen ausgesprochenen Praxis bedeutet dies, dass Richter auf Probe bei guten Leistungen und positiver Einschätzung dennoch als unterdurchschnittlich beurteilt werden (»entspricht den Anforderungen im Großen und Ganzen«), da sie eben schlechter zu sein haben.

[…]

Der Charakter der Justiz (auch in Mecklenburg-Vorpommern) entwickelt sich in eine falsche Richtung. Es gibt zwar erstaunlich viele korrekte Kollegen. Teilweise lässt sich die Justiz aber auch so beschreiben: Mutlos, opportunistisch, konformistisch, erstarrt und gestrig. Das vorderste Problem der Justiz ist ihre übermäßige Konformität auf Kosten fachlicher Standards.

[…]

Ein bisschen Sorge bereitet mir auch, dass Konfliktscheue und Scheinheiligkeit oft als Paar und zu häufig in der Justiz auftreten. Ich sehe das so: Manchmal muss man sich Konflikten stellen, auch wenn das Arbeit macht und man sich einen Verfahrensfehler oder allgemein Nachteile einhandeln kann; dafür sind Richter eben Richter. Ferner wird jemand in erster Linie durch Konflikte erfahren, nicht durch viele Geburtstage. Scheinheilig verhält sich dann, wer vorgibt, großzügig oder verträglich zu sein, obwohl er in Wahrheit nicht die Möglichkeit hat, überhaupt anders zu handeln und auch mal nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Manche Anwälte nutzen das ziemlich dreist aus. Gut für die Rechtspflege ist das nicht.

[…]

Daran anknüpfend kann ich nicht erkennen, dass die Justiz einen Kurs einschlägt, für eine gute Arbeit zu sorgen. Sie ist bemerkenswert blind dafür, was eine gute Arbeit ausmacht und welche Bedeutung der Zufriedenheit des Arbeitnehmers zukommt. Es geht mit Vollgas in die falsche Richtung…“

Quelle / gesamter Artikel: Betrifft Justiz
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*Bitte beachten Sie unseren Hinweis zur Verwendung des Sprachgeschlechtes.

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