„Ich kämpfe täglich mit deutschen Müttern“

Nachfolgend verlinken wir ein hochinteressantes Interview mit dem dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, welcher neben Themen wie dem elterlichen Rollenverhalten und Vereinbarkeit unter anderem auch kritisch auf frühe Fremdbetreuung zu sprechen kommt:

„… ZEITmagazin: Ist nicht ein neuer Vatertyp entstanden, der eben so nicht mehr denkt und redet?

Juul: Das stimmt. Es gibt jetzt zum ersten Mal Väter, die sich selbst definieren, aber sie haben keine oder wenige Vorbilder. Lange gab es die abwesenden Väter, dann kamen die Väter, die schlechte Kopien ihrer Frauen waren, was auch nicht geht, besonders für die Jungen nicht. Es wird dauern, bis sich der neue Vater entwickelt hat, besonders in Deutschland. Wenn ich mit einer Gruppe in Skandinavien arbeite, dann stellen die Frauen sich so vor: Ich bin Sabine, wir haben drei Kinder. In Deutschland und Österreich sagen sie: Ich habe drei Kinder. Eine Form von Resignation.


ZEITmagazin: Ihre Beschreibung trifft vermutlich eher auf das Land zu als auf die Stadt – es hat sich in Deutschland schon einiges verändert in den letzten Jahren. Der Ehrgeiz der Politik richtet sich ja gerade darauf, Müttern ein Berufsleben zu ermöglichen – was bedeutet, dass mehr Kinder fremdbetreut werden. Was ist daran so schlimm, ein Kind in die Krippe zu geben?

Juul: Dänische Forschungen haben ergeben, dass es bis zum Alter von zwei Jahren tatsächlich bei 15 bis 20 Prozent der Kinder schädlich für das Gehirn ist – der Stress der Trennungsangst greift es an. Ich würde das, wenn ich Vater eines kleinen Kindes wäre, nicht riskieren, es sei denn, ich wüsste sicher, dass mein Kind keine Probleme mit Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern hat, dass es sich wohlfühlt und fest auf seinen Beinen steht. Mit meinem Enkel, der ein sehr selbstbewusster Junge ist, haben wir das gemacht. Er war im Alter von eins bis drei bei einer Tagesmutter, und es ist sehr gut gegangen. Aber ich frage mich, woher es kommt, dass sich die skandinavischen Schulen Anfang, Mitte der neunziger Jahre plötzlich darüber beklagten, dass die Kinder keine soziale Kompetenz mehr hätten, sie könnten nicht ruhig sitzen, sich nicht konzentrieren. Was war passiert? Zehn Jahre zuvor hatte man begonnen, Kinder zunehmend in pädagogische Zwangsveranstaltungen zu stecken. Erzieher und Pädagogen argumentieren, solche Einrichtungen seien gut fürs soziale Lernen. Aber dafür gibt es kaum Beweise.

ZEITmagazin: Es gibt aber doch Kinder, die ganz sicher besser in einer Kita aufgehoben sind als zu Hause, in einem Umfeld von Gewalt, Desinteresse, Alkohol.

Juul: In Deutschland sind es acht bis zehn Prozent, würde ich sagen – die sollten so wenig Zeit wie möglich mit ihren Eltern verbringen, von Geburt an. Grundsätzlich glaube ich aber, dass Kinder am besten die ersten zwei, zweieinhalb Jahre mit einem oder beiden Elternteilen zu Hause verbringen.

[…]

ZEITmagazin: Welche Folgen hat der Glücksdruck?

Juul: Die Kinder glauben, dass es in ihrer Familie verboten ist, nicht glücklich zu sein. Vielen dieser Kinder geht es in der Pubertät sehr schlecht. Sie haben keine Ahnung, wie man auf Enttäuschungen reagiert.

ZEITmagazin: Auch weil die Eltern Enttäuschungen von ihnen fernhalten?

Juul: Ja. Das sind diese Wattekinder. Die sind immer eingepackt und dürfen keiner Gefahr ausgesetzt werden.

ZEITmagazin: Dabei brauchen Kinder Erfahrungen, auch negative?

Juul: Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und sie brauchen Eltern, die sie führen. Es gibt so viele pädagogische Eltern. Neoromantiker, die nie Nein sagen und deswegen unheimlich viel reden müssen. Das macht die Kinder wahnsinnig, irgendwann sagen sie: Ich tue, was ich will. Du kannst mich nicht begleiten.

ZEITmagazin: Soll man Eltern zu mehr Haltung erziehen?

Juul: Ich habe meinen täglichen Kampf mit deutschen Müttern, um ihnen beizubringen, zu sagen: Ich will. Dieses verdammte »Ich möchte« funktioniert beim Bäcker und im Restaurant, es ist eine soziale Sprache. Aber in einer Liebesbeziehung, wie wir sie zu unseren Kindern haben, funktioniert es überhaupt nicht. …“

Quelle / gesamtes Interview: Die Zeit
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