„Das Trauma überwinden“

„… An vielen Familiengerichten hat sich ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Die Richterbank ist zum runden Tisch geworden, der Richter zum Erzieher der Eltern. Statt wie in früheren Zeiten einer der Streitparteien die Schuld an der Scheidung und der anderen die Sorge für das Kind zuzusprechen, versuchen die Juristen heute das Gegenteil. Ob überhaupt einer und wenn ja, wer Schuld hat an der Trennung, darauf kommt es nicht mehr an. Heute geht es darum, sogar hassvoll ineinander verkrallte Paare dazu zu bringen, als Eltern wieder zu funktionieren.

Dabei gehen die Richter pragmatisch vor und lassen sich immer weniger von traditionellen Familienbildern leiten. Die Zeit, da der Mutterbonus den Kampf ums Kind entschied, geht zu Ende. Vermutlich gibt es von Gericht zu Gericht und von Region zu Region noch große Unterschiede bei der Entscheidungsfindung, und noch fehlen wissenschaftliche Studien darüber, ob Familienrichter in Berlin ihre Entscheidungen nach anderen Maßstäben treffen als ihre Kollegen in Bayern.

[…]

Trennungskinder unterscheiden sich nicht von Mädchen und Jungen, die in stabilen Familien aufwachsen. Abgesehen davon, dass ihr eigenes Liebesleben instabiler ist und sie sich später signifikant häufiger scheiden lassen. Aber sie leiden weder verstärkt unter Minderwertigkeitsgefühlen oder Krankheiten, noch zeigen sie in der Schule oder im Freundeskreis besorgniserregende Verhaltensauffälligkeiten. Diese zuversichtliche Diagnose der DJI-Forscher gilt aber nur unter einer Bedingung: Die Eltern müssen nach der Trennung einen Weg finden, sich über die Belange ihrer Töchter und Söhne einigermaßen einvernehmlich zu verständigen.

Völlig anders sieht es dagegen aus, wenn der private Kleinkrieg kein Ende nimmt. Wenn die Kinder nach dem Bruch zur Waffe werden im Gefühlsgemetzel der Erwachsenen. Wenn sie den Vätern vorenthalten und gegen die Mütter aufgehetzt werden. Dann geraten sie in einen permanenten Loyalitätskonflikt, der sie innerlich zerstören kann.

[…]

Eine staatlich verordnete Kooperation zerkriegter Eltern wurde Mitte der neunziger Jahre erstmals im rheinland-pfälzischen Cochem erprobt. Hier entwickelte der Familienrichter Jürgen Rudolph jenes Deeskalationsmodell, das heute in der ganzen Republik als vorbildlich gilt. Statt eines Urteils bekommen die Paare hier die Auflage, sich einer Mediation zu unterziehen. Um sicherzugehen, dass alle offiziellen Stellen an einem Strang ziehen, treffen sich Gericht, Anwälte und Jugendamt regelmäßig zum Austausch.

Das klingt einfacher, als es ist. Juristen und Sozialpädagogen sprechen grundsätzlich eine andere Sprache. Die einen sind es gewohnt, Sachverhalte in knappen Worten zu klären, die anderen geben gern Raum für ausschweifende Befindlichkeiten („Lassen Sie mich Ihre Gefühle einmal spiegeln“). Anwälte wiederum gelten in Jugendämtern traditionell als Störfaktoren, weil sie statt des Kindeswohls die Interessen von Mutter oder Vater im Blick haben und die Konflikte noch zusätzlich anheizen.

Anfangs glaubten viele Amtsträger noch, ein fruchtbares Zusammenwirken der Disziplinen könne nur in der Beschaulichkeit einer rheinland-pfälzischen 5.000-Seelen-Gemeinde gelingen, aber nicht bei ihnen in München oder Düsseldorf. Mittlerweile jedoch arbeiten die verschiedenen Professionen auch in zahlreichen Großstädten eng zusammen – eine außergewöhnliche Entwicklung in der von Eifersüchteleien und Kompetenzgerangel geprägten deutschen Fürsorgelandschaft. …“

Quelle / gesamter Artikel: Zeit online

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