„Wir leben in weiblich dominierter Erziehungswelt“

Wir verweisen im Folgenden auf ein interessantes Interview aus Österreich, das in weiten Teilen auch für Deutschland zutrifft:

„… STANDARD: In Ihrer neuen Studie haben Sie untersucht, welche Wirkung männliche Pädagogen auf die von ihnen betreuten Kinder haben. Mit welchen Ergebnissen?

Aigner: Zunächst haben wir keine Bevorzugungen des einen oder anderen Geschlechts der Kinder durch verschiedengeschlechtliche Kindergartenpädagogen gefunden. Wenn man sagt, die Buben sind durch das Fehlen von Kindergärtnern benachteiligt, heißt es oft, man würde den weiblichen Fachkräften unterstellen, die Buben zu benachteiligen. Das tun sie natürlich nicht. Niemand macht das absichtlich.

Allerdings gibt es einen anderen Umgang von Männern mit den Kindern, der auch von den Fachkolleginnen selbst bestätigt wird. In bestimmten Bereichen sind sie geduldiger: Sie stoppen nicht so schnell wegen Gefahr. Sie tolerieren den Bewegungsdrang leichter. Sie fördern die Mobilität der Buben. In rein weiblich geleiteten Kindergartengruppen hocken die Buben schneller einmal am Rand.

STANDARD: Heißt das, Buben „können“ besser mit männlichen Fachkräften?

Aigner: Es gibt einen Bub-Mann-Effekt in der Hinsicht, dass Blick- und Körperkontakte zwischen ihnen häufiger sind als in Gruppen, die von zwei Frauen geleitet werden – in beide Richtungen, vor allem aber von den Buben selbst. Bei ihrem explorativen Verhalten suchen Buben die Unterstützung bei männlichen Fachkräften.

Umgekehrt geraten sie mit weiblichem Personal häufiger in Konflikt. Gleichzeitig zeigt sich, dass Mädchen sich gegenüber beiden Geschlechtern relativ offen verhalten, Buben aber eher zu den Männern tendieren – und zwar statistisch signifikant. Und das ist nicht darauf zurückzuführen, dass Männer neu im Kindergarten sind.

STANDARD: Welche Erklärungen haben Sie für den Bub-Mann-Effekt?

Aigner: Wir leben in einer weiblich dominierten Erziehungswelt. Das ist kein Angriff, es ist halt einfach so. In den Familien gibt es immer noch einen starken Mutterüberhang. In der Volksschule gibt es nur noch knapp acht Prozent Männer. Dass das eine gewisse Art von Sehnsucht hervorbringt, dass man sich mit seinesgleichen auseinandersetzen, messen, reiben kann, ist verständlich.

STANDARD: Kann eine männliche Fachkraft eine Art Vaterersatz sein?

Aigner: Ja, aber diese Funktion kann kein professionelles Ziel sein. Selbst wir Hochschullehrer sind für manche Studierende eine Art Projektionsfläche. Klar haben sie eine Art Autoritätsfunktion als Ersatzväter. Ein Kindergartenpädagoge kann aber bestimmte Bedürfnisse von Buben und Mädchen, die den Vater betreffen, aufgreifen

STANDARD: Können Kindergärtner gar präventiv wirken – Stichwort Gewaltbereitschaft?

Aigner: Das glaube ich sehr wohl. Man müsste es aber erst in einer Langzeitstudie beweisen. Aber es ist höchst plausibel, dass Burschen mit ihren eher externalisierten Verhaltensweisen in Männern ein Rollenmodell finden, wo traditionelle Gewaltorientierungen infrage gestellt werden.

STANDARD: Wer profitiert besonders von Männern im Kindergarten: nur Buben oder auch Mädchen?

Aigner: Wir wissen, dass die Buben im Vergleich zu den Mädchen deutlich häufiger bei den Eltern daheim von den männlichen Fachkräften berichten. Es scheint also, als ob die Männer für die Buben besonders wichtig sind. In einer Gesellschaft, in der Vaterferne alltäglich ist, ist es aber auch für die Mädchen wichtig, sich in diesem frühen Alter von Männern begleiten zu lassen. Eine norwegische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht nur die Burschen ihre Fähigkeiten und Interessen mehr ausleben können, wenn Männer als Erzieher dabei sind, sondern auch die Mädchen. …“

Quelle / gesamter Artikel: Standard

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